Eines der wichtigsten Anbaugebiete für das Chilli in China liegt in Zhecheng, Henan, ein paar Stunden südöstlich der Provinzhauptstadt, Zhengzhou.

Chilli ist ein Gewürz und Gemüse, das viele Leute in China für ihr eigenes Kochen anbauen oder zumindest frisch kaufen. Weniger sieht man es in seiner Nutzung auf dem Niveau der Lebensmittelindustrie, aber natürlich ist diese der wesentliche Markt dafür.

China ist immer gut für seltsame Kontraste und spezielle Widersprüche, aber Henan scheint darin besonders gut.

Henan

Wenn der Name der Provinz einem erst einmal gar nichts sagt, dann ist das nicht weiter überraschend. Städte wie Beijing oder Shanghai kennt man; Yunnan ist ein Ziel für den Tourismus. Henan ist eine der Provinzen im Landesinneren, weniger entwickelt, wenig aufregend.

Allerdings nur, bis man mehr von gewissen Orten und der Geschichte hört:

Luoyang, Anyang, Kaifeng und Zhengzhou waren frühere chinesische Hauptstädte; sie alle sind in Henan.

Der Shaolin-Tempel – ja, der mit den “Kung-fu-Mönchen” ist in Henan.

Laozi (Laotse) wurde in Henan geboren.

Der Gelbe Fluss (Huang He) fliesst durch Henan; die fruchtbaren Lössböden haben die Provinz zu einer Geburtsstätte der chinesischen Zivilisation werden lassen – und zu einem der Orte, die regelmässig von Überflutungen heimgesucht worden waren. Und regelmässig Schauplatz der Kriege um die Kontrolle über China waren.

Sonnenaufgang über Zhecheng, Henan

Flache Felder

Im Auto vom Flughafen in Zhengzhou zur “Chillistadt” Zhecheng hatte ich das Gefühl, die nächste Abfahrt könnte geradewegs nach Parndorf, meinem Zuhause in Österreich, führen. Genau wie jener Teil des Landes, wo im Wesentlichen schon die ungarischen Steppen beginnen, ist die Landschaft weit und flach.

Landwirtschaft dominiert, zumindest soweit man das schnell erkennen können, mit weiten Maisfeldern, Alleen von Pappeln, immer wieder anderen Feldfrüchten dazwischen. Wenn ich mich nicht komplett getäuscht habe, gab es einige Paulownia-Pflanzungen, die in Österreich noch nicht so häufig zu finden sind (mit denen aber experimentiert wird).

Zhecheng

Erst nach Sonnenuntergang kamen wir an, und Zhecheng präsentierte sich wie viele chinesische Provinzstädte: mit einigen hohen Gebäuden an weiten Strassen, in Neon (oder inzwischen vielleicht eher LEDs) bunt beleuchtet.

Am augenfälligsten: die Pagode zwischen zwei Seen… oder eigentlich, einer Wasserfläche und einem trockenen Seeboden. Ich weiss nicht, warum, aber das Wasser dort war abgelassen worden.

Und das Hotel, das höher war als alle Gebäude rundum, und noch auffallender beleuchtet.

Wir waren allerdings nicht für das Hotel da, oder für andere Sehenswürdigkeiten, sondern für das Chilli.

Zhecheng, Henan, Chaotianjiao Chilli

Das Chilli in Henan

Die Situation um das Chilli in Henan ist faszinierend – und sagt so einiges aus über die Ideen, die man in China zum Chilli hat.

Henan hat ein wesentlich weniger feuchtes Klima als der chilliliebende Südwesten Chinas. Mit mehr Sonne und weniger Luftfeuchtigkeit ist es hier einfacher, Chilli anzubauen – und, nach chinesischem Denken über die gesundheitlichen Wirkungen von scharfem Essen , wesentlich weniger notwendig, Chilli zu essen.

Hinweise auf beide Aspekte waren leicht zu finden…

Chilli-Anbau

Der Anbau hier funktioniert tatsächlich eindrucksvoll gut.

Ausschnitt der Chilli-Anbaubasis von Zhecheng in Henan, China

Felder

Ein paar Kilometer ausserhalb der Stadt fangen die Felder an. Richtung Norden sind das die Chillifelder von Zhecheng. Hauptsächliches Feldprodukt hier, Chilli. Vor allem Chaotianjiao.

Dieses “Zum-Himmel-Ragende Chilli” mit seinen aufrecht stehenden Früchten bietet einen fantastischen Anblick, gerade auf solch flachen, weiten Feldern. Vom Boden wie auch aus der Luft.

Zhecheng, Henan, Chaotianjiao Chilli

Chillisorten

Dies hier ist einer der Hotspots für den Chillianbau, und dementsprechend auch für Chillizucht und Handel. Wie üblich – in China jedenfalls, und sonst eher selten – sind alle Chillitypen, die man hier findet, chinesisch.

“Ausländische” Chilli sind eine absolute Rarität in China – genau so, wie chinesische Chilli im Ausland kaum zu finden sind.

China selbst hat allerdings eine Menge zu bieten, bei der Grösse und Vielfalt des Landes. Und so waren in einem experimentellen Glashaus dann auch der Huangdenglong aus Hainan (ein Habanero), und der Shuanshuanla, der “Ghost Pepper” aus Yunnan, testweise angebaut.

Und vieles andere…

Experimentelles Chillifeld in Zhecheng, Henan

Der Seltsame Fall des Sanyingjiao

Eigentlich stimmt das mit dem nicht-ausländischen Chilli auch nicht ganz.

Mittlerweile sind die hier angebauten Sorten wohl gut eingebürgert und vielfältig weiterentwickelt worden. Ursprünglich allerdings soll das berühmte Sanyingjiao von Zhecheng aus Tianjin gekommen sein – und dorthin war es von Japan gebracht worden.

Das Sanyingjiao von Zhecheng, das ist in seinem Ursprung anscheinend das japanische Santaka!

Zhecheng als Chilli-Umschlagsplatz

Vom feierlichen Treiben etwas versteckt war der normale Handel mit dem Chilli. Der bietet an Orten wie diesen allerdings schon so seine interessanten Ansichten…

All dieser Chillianbau – der bei unserem Besuch mit dem alljährlichen lokalen Chillifest und der Chilli-Industrie-Konferenz, für die wir insbesondere dort waren, gefeiert wurde – ist umso faszinierender, weil Henan tatsächlich keine Tradition scharfen Essens hat.

Die Küche Henans

Es gibt in der Küche von Henan ein berühmtes Gericht, dass scharf schmeckt.

Hulatang, eine dicke, deftige Suppe.

Henan Hulatang

Henan’s “Pfefferscharfe Suppe” Hulatang

Sehr sättigend, gar nicht so wenig scharf, ist Hulatang geschmacklich doch ganz anders als die Gerichte in den berühmten scharfen Küchen Chinas.

Die Schärfe hier nämlich ist, wie schon der Name sagt, Pfefferschärfe (hu-la von hujiao, dem Wort für Pfeffer). Und zwar schwarzer Pfeffer, Piper nigrum.

Wir probierten auch eine berühmte lokale Rind-Nudelsuppe aus. Mit frisch gebackenem blättrigem Brot dazu (oder gleich in Stücke gerissen und in die Suppe hinein).

Die Suppe und das Brot, und die Kombination aus beiden, sie waren fantastisch aromatisch. Wie inzwischen immer und überall in China gab es dazu schon etwas Chilli.

Zhecheng Niuroumian Rindsuppe
Henan-Brot und  eingelegtes Chaotianjiao

Extra für uns gab es auch etwas des lokalen Chaotianjiao, eingelegt. Was recht amüsant war, weil dieser eher etwas schärfer war als solch ein “Beilagenchilli” in den traditionell scharfen Küchen Chinas sonst wäre.

Das scheint allerdings ziemlich üblich zu sein: Wo die Küchen traditionell scharf sind, da sind die Schärfegrade der Speisen oft gar nicht so hoch. Wo das Chilli normalerweise wenig gegessen wird, da sind Chillis, die gegessen werden, dafür umso schärfer.