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Auf der Suche nach dem mysteriösen mehrjährigen tibetischen Baum-Chilli

China macht den einfachen Erklärungen, wonach Chilli in tropischer Hitze gegessen wird, um sich vor Mikroben in Fleisch zu schützen, einen schönen Strich durch die Rechnung: Das Argument hier ist nämlich, dass Bergbewohner das Chilli brauchen.

Ein mehrjährig wachsendes goldenes tibetisches Baum-Chilli aber?

Chilli in Tibet

Tibetisches Essen ist nun nicht gerade das schärfste, aber das Chilli ist nicht weit vom Esstisch in Tibet.

Tsampa (Gerstenmehl, mit Yakbutter zu Kugeln geformt) wird mit Chilli gegessen.
Momo (tibetische gefüllte Teigtäschchen) werden mit Chillisauce gereicht.
Yak kann man gemeinsam mit Chilli frittiert bekommen.
Mariniertes Rindfleisch kommt auch mit einer aromatischen Chillisauce an den Tisch.

Es geht so weit, dass der Medizinalthangka Der Blaue Beryll (aus einer Zeit um 1700) womöglich Chilli in seiner Beschreibung traditioneller tibetischer Heilmittel inkludiert!

Niemals aber hatte ich etwas von einem tibetischen Chilli gehört, das nicht als einjährige Feldfrucht, sondern als mehrjähriger “Baum” kultiviert werden soll.

Meine geliebten Chiltepin wachsen auf eine solche Art, aber die findet man wenigstens nur in der mexikanischen Sierra, wo es nur ab und an Frost gibt.

Und hier handelt es sich um ein wildes Chilli, dass unter Büschen geschützt wächst, nicht um eine kultivierte Pflanze.

Hinweise auf ein Mysteriöses Tibetisches Baum-Chilli

Ein Kollege hier bei der World Chilli Alliance hatte mir etwas von einem Landstrich von Sichuan, in den Bergen, erzählt, wo die Leute den grössten und ältesten, mehrere Jahre alten, Chilli-“Baum” haben wollten. Aber meine Güte, so schwer ist es auch wieder nicht, Chilli mehrjährig wachsen zu haben, solange die Temperaturen nur hoch genug bleiben.

Ich hätte wohl genauer nachfragen sollen.

Später erwähnte dann (ausgerechnet) eine chinesische TV-Dokumentation über das Chilli ein gelbes “Baum-Chilli” irgendwo nördlich von Xianggelila. Dem Ort, der sich den Namen Shangri-la (zuvor nur in seiner chinesischen Umschreibung) hat umhängen lassen, um mehr Touristen anzulocken.

Das nahegelegene Lijiang findet schon lange einen Besucheransturm; die tibetischen Regionen nördlich von Lijiang in Yunnan allerdings bei weitem nicht so viele. Die meisten Leute fahren gerade einmal noch zur Tigersprung-Schlucht, um sich den dortigen Aussichtspunkt anzusehen oder den Wanderweg dort zu gehen.

Auf der Suche nach weiteren Informationen zu diesem “kleinen Baum-Chilli” stellte sich dann prompt heraus, dass es um dasselbe Chilli geht, das mein Kollege gemeint hatte. Die Sache war nur die, dass man im Norden von Xianggelila, wenn man nicht gerade gleich die Strasse nach Lhasa weiter gefahren ist, wieder aus Yunnan hinaus nach Sichuan kommt.

“Kommt nicht”

Gerade als ich Pläne für einen Forschungstrip auf den Spuren des Chilli dort plante, erhielten wir plötzlich Meldung von dem Kontakt meines Kollegen – und zwar die Meldung, dass wir nicht kommen sollten.

“Wir sind so arm, wir sind viel zu beschäftigt” hiess es, von den dortigen Obrigkeiten an uns weitergeleitet.

Kein guter Anfang, aber vielleicht würden wir ja trotzdem, andernorts, fündig.

Leute in Xianggelila wussten jedenfalls um die Existenz eines “kleinen Baum-Chilli”, aber das war es auch schon wieder. Die Frage “Ist es ein gelbes Chilli?” zeigte aber immerhin, dass wir nicht ganz falsch lagen.

Spuren des Gelben Tibetischen Baum-Chilli

Der lokale Markt in Xianggelila hatte nur ziemlich übliches frisches Chilli zu bieten (aber wenigstens das gab es), sah sonst aber nicht sehr vielversprechend aus. Aber das getrocknete Chilli? Das *gelbe* getrocknete Chilli?

Goldenes Chilli aus Nixi, getrocknet am Markt von Shangri-La

Der Inhaber des kleinen Geschäfts schien nicht so wahnsinnig gesprächig, aber erklärte dann schon, ja, das eine rote Chilli sei aus Qiubei (einer Region in Yunnan, südwestlich der Provinzhauptstadt Kunming, wo viel Chilli angebaut werden soll). Das eher orange-gefärbte wäre das Xiaomila (das “kleine Reis-Chilli”) von Yunnan.

Und das gelbe? “Kleines Baum-Chilli aus Nixi.”

Da war es also! Und Nixi, bekannt für Töpferwaren (deren Tradition in der Region, archäologischen Funden nach zu schliessen, gut 2000 Jahre zurückgeht) wäre dann auch der Ort, zu dem das Dörfchen, in dem die TV-Doku das gelbe Chilli gefunden haben wollte. Vielleicht würden wir es also finden!

Auf der Strasse nach Lhasa

Nördlich von Shangri-la fahrend ist man auf der Strasse nach Lhasa.

Ein ziemlicher Highway, gleichzeitig aber doch an Berghängen in prekärer Lage. Lange, lange Anstiege bedeuten Lastwagen, die im Schneckentempo fahren – und sich bei all den Kurven auf der engen Strasse trotzdem nicht so einfach überholen lassen.

Lange, lange Abschnitte bergab machen die Dinge auch nicht viel einfacher. Sie fühlen sich jedenfalls auch nicht viel sicherer an, mit einigen hundert Metern Berghang über einem und einigen hundert Metern Abhang neben der Strasse, zu Flüssen am Grund.

Die Strasse zu dem Ort, der in dem Video erwähnt worden war, machte plötzlich einen Abstecher von dem Highway. Und wurde sofort kaum breiter als unser Auto.

Auf Kehren bergan ziehend fragten wir uns zuerst, Was wenn uns ein Auto entgegen kommt?. Bald aber war die Frage, Fährt hier überhaupt jemals jemand?

Dies ist nicht der Ort, den ihr sucht…

Der Ort lag ziemlich verlassen da, bis auf ein paar wenige Leute und Anzeichen von Bauarbeiten bzw. Lastwägen dafür. Die Polizeistation, wo man meinte, dass wir doch mal fragen könnten, war verlassen. Bis auf den Fernseher, der hinter ihrer zweiten – offenen – Türe lief.

Oookay…

Ein kleiner Blick durch das Dorf – wo wir schon mal da waren – brachte allerdings eine junge Frau aus dem Lokal, wo sie wohl arbeitete. Sie war sich sicher, dass ihr Ort wohl kaum gemeint war, wenn es um Chilli geht – aber sie wüsste da einen Ort; wir müssten nur zurück zu dem Highway und darauf noch einiges weiter.

Sie klang ganz so, als würde in jenem Dörfchen praktisch gar nichts angebaut werden. Interessanterweise waren die Bauarbeiten allerdings für oder zumindest neben einer Art landwirtschaftlicher Versuchsstation oder dergleichen – die allerdings auch verlassen und versperrt war.

Weiter in den Tälern des Jinsha-Flusses

Weiter also auf der Strasse nach Lhasa, immer mehr am Hang des Flusstales, durch das tief unten der Jinsha-Fluss strömt. An einem Aussichtspunkt, den jemand an einer schönen Stelle aufgebaut hatte, mussten wir einfach anhalten. Und was das für eine Aussicht war!

Weiter auf der Strasse fiel mir plötzlich ein Schild ins Auge, im Vorbeifahren, auf dem doch etwas über Nixi und Chilli gestanden hatte. Und die GPS-Navigation meinte, es wäre Zeit von dem Highway abzubiegen auf… das könnte man doch wirklich keine Strasse nennen?

Am Abgrund, im Himmel…

Der Weg lief steil weg vom Highway, unter diesen, entlang des Hangs. Immerhin aus Beton gebaut… aber nun wirklich kaum mehr als Zentimeter breiter als das Auto, aber Hunderte Meter hinunter zum Fluss abfallend.

An einem Punkt wurde der Weg wenigstens breit genug, um zu parken – und dann sofort zu einer Schotterpiste.

Weiter zu Fuss. Sofort an eine Beton- und Steinmauer unterhalb von einem Haus, mit Pflanzen direkt von ihrem Oberrand hinunter ragend: Chillipflanzen!

Eine unerwartete Chilli-Bekannte!

Die erste war gleich einmal kein gelbes tibetisches Chilli, dafür aber eine unerwartete Bekannte: die “Sorte”, die man im deutschsprachigen Raum als “Nepalesischer Glockenpaprika” kennt.

Das Aussehen der Früchte, wie eine Glocke, das passt absolut. Ob sie allerdings wirklich aus Nepal gekommen war, dessen war ich mir nie so sicher gewesen.

Hier war sie aber!

Gleich daneben, ein wunderbar tief-scharlachrotes Chilli.

Und daneben, ein gelbes Chilli. Das zählte ich schon einmal als einen Erfolg.

Wenn es allerdings wirklich ausreichend für den Markt angebaut würde, dann sollte es wohl mehr davon geben. Noch dazu, wenn es mehrjährig sein sollte.

Terrassierte Felder…

Die Felder an diesem Ort – kaum eine Handvoll Häuser rund um den Platz am Hang, an dem wir standen – waren einfach genug zu finden, angelegt auf Terrassen in einer Kluft in diesem Hang, wie sie waren. Einen Weg hinunter zu ihnen zu finden, das war schon schwieriger.

Mais war einfach genug schon aus der Ferne zu erkennen. Kürbisse wohl auch, bei deren typischen grossen Blättern und weit ausgreifendem Wuchs. Und würde sich das schöne Lindgrün tatsächlich als das Chilli herausstellen, dass ich vermutete?

Hinunter zu kommen war eine Kletterei.

Enge Pfade, Dornbüsche, Opuntien, scharfe Steine über ziemlich staubiger Erde… und alles auf einem steilen Hang. Dazu noch Stacheldraht um die Felder, um die Kühe (Yaks?) und Esel draussen zu halten, deren Dung auf den Wegen zu sehen war.

…und Goldenes Tibetisches Baum-Chilli!

Hinunter und in die Felder habe ich es dennoch geschafft – und ja, es war tatsächlich das Chilli darin. Wunderbarstes gold-gelbes Chilli!

Mehrjähriges Chilli – in einem Himalaya-Tal

Ein näherer Blick auf die Pflanzen hat dann auch die andere Behauptung bestätigt: Das Chilli war tatsächlich nicht von diesem Jahr.

Es hatte womöglich aus seinem Wurzelstock wieder austreiben müssen, aber zumindest dieser war nicht von Frost abgetötet worden.

Die Region liegt durchaus etwas niedriger als Xianggelila – aber immer noch auf gut 2200 m Seehöhe. Wie ein sonderlich warmer Ort wirkte das alles nicht gerade. In Xishuangbanna, in Yunnans Tropenwald, da könnte ich mehrjähriges, sogar verwildertes, Chilli leicht erklären. Aber hier, so?

Es ist ein Rätsel.

Immerhin aber ein sehr interessantes Rätsel.

Einblicke auf YouTube

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Und es geht weiter…

Meine Nachforschungen und neuen Einblicke haben sich weiter fortgesetzt. Auf weniger abenteuerliche, dafür aber sehr zu meinem Thema der Mikroexploration passende Art.

Also, bleibt in Verbindung, abonniert Neuigkeiten, lernt mehr. Und wer solche Forschung unterstützen will oder Geschichten speziellen Chillis zu erzählen hat, ist herzlich eingeladen, mit der World Chilli Alliance in Kontakt zu treten, Mitglied zu werden, mehr zu lernen und mit anderen zu teilen!

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