Die Seltsame Anziehungskraft einer Abstossenden Empfindung

oder: Das „Wieso?“ des Chilli-Konsums

Die scharf-brennende Geschmacksempfindung (die eigentlich tatsächlich eine Schmerzempfindung ist) ist wie man aus der Ökologie von Capsicum weiß, eigentlich ein Abwehrmechanismus. Auch Menschen werden bekanntlich – jedenfalls anfänglich – davon abgeschreckt.

 

Kleinkinder werden in manchen Kulturen etwa dadurch von der Brust entwöhnt, indem die Brustwarzen mit etwas Chilli eingerieben werden. – Dennoch entwickeln sich auch aus solchen Kindern (unter Umständen) später passionierte Chilliesser…

Aus solchen Seltsamkeiten heraus ist die Frage nach (den Gründen) der Beliebtheit eine, nun ja, brennende.

Konkurrierende – oder sich ergänzende? – Theorien

Nachdem die meisten Botaniker oder Ernährungswissenschafter einen naturwissenschaftlichen Hintergrund haben, sind evolutionäre Erklärungen gerne gesehen, zum Beispiel:

  • Mikrobielle-antibakterielle Wirkungen
    Chillis würden keimtötend wirken, was besonders in tropischen Gegenden und beim Fleischkonsum jenen einen Vorteil verschafft, die (mehr) Chillis konsumieren, besonders eben in Speisen mit Fleisch
  • Nutritionelle Überlegungen
    Chillis sind reich an Vitamin A und C die in vielen traditionellen Ernährungsregimen (etwa hauptsächlicher Ernährung mit Reis) nicht in ausreichendem Maß konsumiert werden, außer eben der Haupt-Kohlenhydratlieferant wird mit Chilli ergänzt

Daneben gibt es aber auch Überlegungen auf der Grundlage physiologisch-psychologischer Wirkungen:

  • Hitze und Schweißanregung
  • Endorphinausschüttung
  • Masochismus (Dieser Vorschlag war halb scherzhaft, halb ernst gemeint, hat aber Unterstützung gefunden: Paul Rozin hat tatsächlich, auch in wissenschaftlichen Publikationen, vorgeschlagen, dass die Lust am scharfen Essen ein ähnlicher Fall von ‚gutmütigem Masochismus‘ – „benign masochism“ – sein könnte wie der Spass an Achterbahnfahrten: Endorphinausschüttung in einer Gefahrensituation von der man zugleich weiss, dass sie nicht wirklich gefährlich ist.)

In der „Globalisierung“ der Chillis kann aber auch eine Art „Vor-Anpassung“ gewirkt haben:

  • Kulturelle Präadaptation
    Will sagen, viele Kulturen in die das Chilli sich in seiner weltweiten Ausbreitung rasch integriert hat, haben schon vor dessen Ankunft kulinarische Traditionen gehabt, in denen scharfe Gewürze eine Rolle spielten (wie etwa Pfeffer, Sansho, d.h. Szechwanpfeffer, Wasserpfeffer)

Ein interessantes Problem der Theorien ist die moderne, wachsende Beliebtheit des scharfen Geschmacks, die sowohl evolutionäre Erklärungen als auch „kulturell-präadaptative“ Erklärungen nicht passend oder zumindest nicht ausreichend erscheinen lässt.


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