Der Letzte Kaiser des Grünen Chili

‚Auch in einem Gebäudekomplex in Khabarovsk, im Jahr 1945, war Pu Yi, der Letzte Kaiser der Qing-Dynastie. Er verbrachte fünf Jahre in sowjetischer Gefangenschaft nachdem sein, von den Japanern unterstütztes Westentaschenreich Manchukuo mit der Aufgabe Japans kollabiert war. Der gefallene Kaiser verbrachte seine Tage mit dem Studium der Diamant-Sutra und dem Anbau von grünem Chilli und von Tomaten im Hof während andere aus seinem zusammengeschrumpften Hofstaat in den Schlafzimmern Séancen hielten.‘

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Chile trouvée bei Hermès…

Hermes Le Potager Capsicum

Meistens stolpere ich ja bloss in Popkultur über das Chilli, aber kürzlich war es – gleich nach einem Gespräch mit Herr Hermes auf Herr Brenners Chili Festival – bei Hermès‘ Festival des Métiers in der Stallburg der Spanischen Hofreitschule in Wien soweit…

Offenbar hatten sie in der Herbst 2014 Kollektion ein Seidentuch-Design, in dem es mit viel Freude um das Gemüse ging: Le Potager Extraordinaire.

Natürlich hatte ich sogleich genau dieses Tuch in meiner Hand, und das sofort mit der Capsicum annuum-Abbildung.

Hermes Le Potager Capsicum

Gut allerdings, dass meine Sammlung solcher Fundstücke nur aus Fotos besteht; das gute Stück wäre ein wenig teuer… aber schon süss.

(Weitere Fotos von dem Event, falls sie interessieren, habe ich hier.)

Die Master Cleanse versus Tibet um 1800

Cleanse

In meinem Schreiben und Forschen über das Chilli in China bin ich immer noch fasziniert von dessen Auftauchen im Himalaya – und in „Volks“medizin, alt und neu.

Cleanse
Cleanse. Foto von Barry Silver, Flickr.

In den USA nach 2000 spielt scharfes Chilli eine Rolle in einem Gesundheitsrezept, das angeblich den Körper entgiften und zu besserer Gesundheit beitragen könne.
In dieser „Master Cleanse“ findet sich Cayenne neben Zitronensaft und Ahornsirup.

tsi-tra-ka
Tsi-tra-ka, d.h. Chilli, im Medizin-Thangka „Der Blaue Beryll“

In Tibet um 1800 (im Medizin-Thangka „Der Blaue Beryll“) fand sich Chilli in einem Rezept, um Krankheiten des Phlegma zu lindern und die Lebensspanne zu verlängern.
Man sollte Chilli mit Honig und Butter einnehmen.

Interessant ist, dass beide Rezepte, auf nicht unähnliche Art, eine Quelle von Zucker mit Chilli kombinieren. Das eine aber macht in seinem Gesundheitskontext einigen Sinn, das andere nur im Rahmen von etwas verqueren Gesundheits- und Diätpsychologien.

Die „Master Cleanse“ als eine Variante des Saftfastens macht wenig ernährungsbezogenen oder physiologischen Sinn.
Klar, wenn man zuckriges Wasser mit Zitrone und Cayenne trinkt, dann wird man irgendeinen Effekt spüren. Noch besser wäre das dann aber wohl mit einem superscharfen Chilli für den absoluten Kick…

Auf das Thema möchte ich gar nicht weiter eingehen; ich bin schliesslich Ökologe und Kulturanthropologe und kein Arzt. (Es gibt eine Vielzahl vertrauenswürdiger Quellen mit Berichten über die fehlerhafte Logik hinter „Entschlackung“ per Ernährung, gegen Diätkulte, etc….)

Mein akademischer Hintergrund bringt mich allerdings schon dazu, mich für den biologischen und kulturellen Hintergrund zu interessieren – und eine Geschichte des Glaubens an „Schlacken“ die im „Hochofen“ der Verdauung anfallen und durch „entschlackende“ Programme entfernt werden müssen, um zu „entgiften“, die wartet nur darauf, geschrieben zu werden (wenn sie das nicht schon wurde).

Geht es um das Gehirn, dann sind wir wenigstens zu Computer-Metaphern weitergezogen; beim anderen Teil des Körpers aber stecken wir offenbar immer noch in industriellen Metaphern fest.

Die Popularität solcher Praktiken scheint noch dazu abhängig zu sein von der Popularität ihrer Befürworter.
Wenn Hollywood- oder sonstige Superstars sie machen, dann müssen sie wohl gut sein… und vielleicht hat die steigende Beliebtheit von scharfen Saucen ja auch ihren Teil beigetragen.

Wie dem auch sei, einigen psychologisch-kulturellen Hintergrund zu dem Thema gibt es auf jeden Fall – und sehr viel weniger medizinischen (oder auch nur ernährungsbezogenen) Sinn.

Was ist mit dem „Rezept“ aus dem Himalaya? Warum soll das Sinn machen?

Nun, eine Ernährung, die nur in einer Art Getreide oder insbesondere in Reis reich ist (wie eventuell in Tibet), kann leicht mit einem Mangel an Vitamin A und eventuell C einhergehen, welche(s) das Chilli in grosser Menge enthält. Das alleine kann helfen.

Dazu kommt dann noch der Zucker im Honig, der wohl ein seltenes Vergnügen gewesen sein wird. Die Energie daraus war sicher auch hilfreich. Butter, wie man sie auch im tibetischen Buttertee findet, liefert dann auch noch zusätzliche Energie, diesmal aus Fett.

Die Kombination aus Honig und Chilli kann auch antimikrobielle Effekte beigesteuert haben, die ihres zu der aufbauenden/heilenden Wirkung beitragen. Gerade im Kontext einer Behandlung von „Phlegma“, also wahrscheinlich solcher Dinge wie kratzender Hals und Schleim in der Lunge sowie einem eher lethargischen Gefühl passen sowohl antimikrobielle Wirkungen, zuckrig-fettige Energie, als auch der „Kick“ vom Chilli sehr gut zusammen.

Psychologie spielte sicherlich auch hier eine Rolle, aber zumindest lassen sich auch mögliche medizinisch-ernährungsbezogene Eigenschaften der vorgeschlagenen Behandlung finden, nicht nur ein fürchterlicher Geschmack und der Glaube, dass von Stars empfohlene ‚Rezepte‘ wohl gut sein müssen.

Detective Laura Diamond und der Fall mit dem Chilligeschmack

Foto aus der Episode "Laura und die Tiefkühlleiche"

Die Saison 2014/15 – allerdings die Fernsehsaison, nicht die für Pflanzen – brachte extra scharfem Chilli nicht nur eine Rolle in The Flash, sondern auch in Detective Laura Diamond.

In der 11. Episode der 1. Staffel, „Laura und die Tiefkühlleiche„, würzte nicht nur der neue Freund eben jener Laura Diamond ihr L(iebesl)eben mit extra-scharfem Ghost Pepper etwas auf…

Foto aus der Episode "Laura und die Tiefkühlleiche"
Foto aus der Episode „Laura und die Tiefkühlleiche“, ©NBCUniversal

Sie nutzte dasselbe Chilli dann auch gleich, um herauszufinden, dass die verdächtige Restaurantkritikerin ihren Geschmackssinn verloren hatte.

Immer wieder nett, an prominenter Stelle in der Populärkultur auf Chilli zu stossen; immer wieder der Punkt, an dem ich das sage, nur um dann gleich wieder auf Missverständnisse hinzuweisen…

Klar, Chilli bietet einiges an Vergnügen und Aroma, mit und neben der Schärfe.

Wir sprechen aber ständig von Verkostungen und Geschmacksproben, obwohl es eigentlich nicht der Geschmack ist, was wir wirklich als Aroma wahrnehmen. Vielmehr sind es zu einem grossen Teil Gerüche, welche beim Kauen freigesetzt werden und durch den Rachen in den hinteren Nasenraum wandern, welche die Komplexität eines Aromas ausmachen.

Ganz ähnlich denken wir, dass wir Schärfe und Aroma von Chilli schmecken.

Genau betrachtet aber schmecken (und riechen) wir das Aroma und fühlen die Schärfe. Während für ersteres die Geschmacksknospen auf der Zunge und die Geruchsrezeptoren in der Nase hautpverantwortlich zeichnen, sind es die TRPV1-Rezeptoren (im Mund), welche eigentlich hohe Temperaturen ‚messen‘ und durch das Capsaicin angeregt werden.

Das Problem für Laura Diamond: Ihre Restaurantkritikerin hätte also schon jegliche Temperaturempfindung gemeinsam mit dem Geschmackssinn verlieren müssen, um die Chillischärfe nicht mehr zu bemerken.

Hoppla.

Detective Laura Diamond
Screenshot von Detective Laura Diamond, selbe Episode (wie auf tv.sohu.com, sozusagen Netflix für China, zu sehen)

Zweites, ach-so-häufiges Hoppla:

Ihr Asisstent würde wohl etwas fettigeres – Milch ist die Standardempfehlung – brauchen, wäre das wirklich Ghost Pepper gewesen.

Das Chilli eine Rolle spielen zu sehen war dennoch nett. Zumal Film und Fernsehen meistens noch wesentlich schlimmeres an ‚Gläubigkeit‘ statt kritischem Denken (oder Wissen) verlangen…