Chilli: Diät-Wundermittel und Anti-Alkohol-Helferlein?

Moderne Forschung hat sich intensiv mit dem möglichen Zusammenspiel zwischen Chilli, Diät und Verdauung (und Testosteron 😉 ) beschäftigt – und China hat einige Ideen zu denselben Themen, bis zum unter-den-Tisch-fallen. Oder dazu, das so lange wie möglich zu vermeiden?

Okay, okay, das klingt alles jetzt vielleicht ein wenig verrückt, und es soll jetzt auch nur den Appetit etwas anregen. Das Thema ist einfach zu amüsant, als das es ganz nüchtern angegangen werden könnte.

Chilli wird oft als Diät-Wundermittel verkauft.

Scherzend sagen so manche Chilli-Fanatiker gerne, dass man eine solche Wirkung ganz leicht sicherstellen könnte. Dazu braucht es noch nicht einmal irgend so einen Blödsinn wie die „Master Cleanse“ (wobei Chilli ja auch darin vorkommt); weit entfernt vom sinn- und genussvollen Chilligebrauch ist man dabei aber ohnehin:

Einfach alles Essen so gut würzen, dass es ungeniessbar scharf wird! Schon purzeln die Pfunde…

Wenn man vom Chilli als Diäthilfe spricht, dann geht es aber eigentlich doch um etwas anderes. Nämlich um die Hypothese (genau, hier landen wir nun in der Wissenschaft), dass durch den Konsum von Chilli der Kreislauf derart angeregt wird, dass mehr Kalorien als normalerweise verbrannt werden.

Es macht intuitiv Sinn; man muss nur daran denken, wie viel wärmer man sich nach einem gut gewürzten Essen fühlen wird, um anzunehmen, dass es den Kreislauf anregt.

Tatsächlich scheint es zu stimmen, dass man mit Chillikonsum zu einem höheren Energieverbrauch kommt… (Watanabe T, Kawada T, Iwai K. Enhancement by capsaicin of energy metabolism in rats through secretion of catecholamine from adrenal medulla. Agricultural and Biological Chemistry 1987; 51: 75–9.)

Es gab auch Forschung über die Wirkung von Chilli auf das Sättigungsgefühl, und wieder fand sich ein solcher Effekt: Menschen, die Speisen mit mehr Capsaicin zu sich nahmen, wollten weniger essen und fühlten sich satter. (Westerterp-Plantenga MS, Smeets A, Lejeune MPG. Sensory and gastrointestinal satiety effects of capsaicin on food intake. International Journal of Obesity 2005; 29: 682–8.)

Die chinesischen Erklärungen ähnlicher Beziehungen aber sind es, die dieses Thema für mich so besonders interessant machen.

Die Sache ist die: Der traditionellen chinesischen Meinung nach sind die Gerichte der Xiang-Küche, das heisst der, für ihre Schärfe bekannten, Hunan-Küche, Speisen mit denen man den bzw. mehr Reis hinunterbekommt.

Diese Idee, den Reis hinunter zu bekommen, kommt von der traditionellen Erklärung, dass man die verschiedenen „cai“ (Gerichte) zum Genuss und vielleicht für vielfältige Ernährung isst, während man „fan“ (Reis) zur Sättigung nimmt.

Darum bekommt man bei einem Essen in einem (besseren) Restaurant den Reis ja auch erst am Schluss, um den Magen noch fertig zu füllen, wenn man bis dahin nicht genug zu Essen hatte – was dann allerdings ein schlechtes Licht auf den Gastgeber werfen würde, der damit als nicht grosszügig genug deklariert würde, weswegen dieser Reis auch nicht wirklich gegessen werden würde.

Na ja, wenn die oben erwähnte Studie stimmt, dann sollte man bis dahin auch alleine genug Chilli zu sich genommen haben, um sich satt zu fühlen!

Bei Essen in einem informellen Umfeld allerdings wird der Reis gemeinsam mit den Speisen gereicht. Und da gilt ein ausreichender Reiskonsum dann auch als eine Notwendigkeit, um genug Energie für den Tag zu sich zu nehmen. Und schon alleine, weil man die Schärfe der Speisen durch den ’sanft‘ schmeckenden Reis wohl etwas wird abmildern wollen, gelten die chilli-intensiven Gerichte als hilfreich dabei, den Reis hinunter zu bekommen.

Aber überlegen wir doch einmal.

Es ist sehr verständlich, dass man in dieser Situation mehr Reis wird haben wollen (wenn man schärfere Speisen isst), aber das widerspricht doch eigentlich der Beobachtung, dass schärfer essende Personen weniger Appetit hatten und sich satter fühlten.

Richtig seltsam wird es allerdings mit dieser Beobachtung:

Xia Fan Jiang - In diesem Fall ist es als eine "Reis-hinunterbekommen-Sauce" deklariert
Xia Fan Jiang – In diesem Fall ist es als eine „Reis-hinunterbekommen-Sauce“ deklariert

Im Supermarkt in China findet man unter den Chillisaucen nicht mehr nur Chillisaucen, nicht mehr nur die eine oder andere, die gleich einmal als „xia fan cai“ (also eben ein Gericht bzw. hier, eine Zutat, mit dem/der man den Reis hinunterbekommt). Nein, es findet sich auch „xia jiu cai.“ Das wäre dann also dazu gemeint, damit man den Alkohol hinunterbekommt.

Xia Jiu Cai
Xia Jiu Cai – „Gericht/Zutat, um den Reis hinunter zu bekommen“

Bedenkt man, was für eine grosse Rolle Alkohol bei sozialen und geschäftlichen Ereignissen (= Essen) in China spielt, dann sollte das wohl nicht weiter überraschen. Er ist ein wahres soziales Schmiermittel und zugleich ein Beweis von Charakter und Stärke – zumindest, wenn man ihn konsumieren kann, ohne unter dem Tisch zu landen.

Kein Wunder also, wenn Hilfe beim Alkoholkonsum gesucht wird – ob das Chilli allerdings dabei von irgendwelcher Hilfe wäre, das bezweifle ich dann doch eher…

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