Ethnobotanische Notizen zu Lt. Pike, Pfefferspray und Chillischmerz

In den letzten Tagen war Pfefferspray in aller Munde, ein Hauch von Chillischärfe zog durch das Internet. Was die meisten wahrscheinlich nicht wissen ist die jahrhundertealte Beziehung zwischen dem Chillipfeffer und der Bestrafung, ja sogar dem Krieg.

Fangen wir aber mit den jüngsten Begebnissen an…

Erst diesen “Black Friday” nach Thanksgiving schlug eine Frau die Rabattschlacht an einem Walmart in Los Angeles offenbar, in einem Anfall von “competitive shopping,” Hochleistungs-Shopping, wenn man so will, unter Einsatz von Pfefferspray. (http://latimesblogs.latimes.com/lanow/2011/11/woman-pepper-sprayed-adults-children-at-wal-mart-sale-police-say.html)

Begonnen hatte alles aber klar mit dem Einsatz selbigen Mittels bei den Occupy-Protesten an der UC Davis.

UC Davis Pepper Spray

Das Ereignis, bei dem ein später als Lt. John Pike identifizierter Polizist eine Gruppe am Boden sitzender Demonstranten mit Pfefferspray traktierte, entwickelte sich rasant zu einem Internet-Mem mit so manch kurioser Abwandlung:

Pepper Spray MemePepper Spray Meme

Mehr davon sind z.B. hier http://www.ranker.com/list/the-very-best-of-the-lt-pike-meme/ron-mexico versammelt zu finden.

Das Mem verbreitete sich dermassen stark, es trieb selbst Adolf Hitler zu Wutausbrüchen. Will sagen, es wurde mit dem älteren “Hitler reacts” (Hitler reagiert)-Mem verknüpft, welches es mehr als nur übertroffen hat… wie das Video selbst erklärt. [Für jemanden, der mit Deutsch vertraut ist, ist es zugegeben schwierig, es zu geniessen. Ich empfehle, den Ton abzuschalten…]

Eine der jüngsten Abwandlungen des Themas sind die Lego Besetzungen von Zeitungskästen

Pepper Spray Meme

Das Feuer wunderbar angefacht hatte die Moderatorin von Fox News, Megyn Kelley, die  ‘versuchte, Pfefferspray zu erklären‘ indem sie es ihrem Co-Moderator Bill O’Reilly als “a food product, essentially” (also, ‘im Wesentlichen, ein Nahrungsmittel’) beschrieb.

Selbst Martha Stewart fühlte sich davon wunderbar inspiriert und liess es sich nicht nehmen, die neueste technische Errungenschaft zur besonderen Würzung des Thanksgiving-Truthahns zu präsentieren…

Hier war noch nicht Schluss mit den Reaktionen; “zufriedene Kunden” versammelten sich in Scharen, um auf Amazon mit Feuer und Flamme ihrer Begeisterung für den (be)treffenden Pfefferspray Ausdruck zu verleihen.

Dem Chilli-Begeisterten mögen Elemente dieser Geschichte seltsam bekannt vorkommen.

Immerhin waren es Meldungen, wonach ein indisches Militärlabor an einer chillibasierten nichtlethalen Waffe arbeiten würde, in denen man zuerst von einem vermeintlich Weltrekord-verdächtig scharfen Chilli aus dem Nordosten jenes Landes hörte. Es dauerte so seine Zeit, aber brachte den Bhut/Bih (Naga) Jolokia-Chilli ans Licht der Öffentlichkeit.

Lange hielt sich auch dieser Chilli nicht an der Spitze der Schärfe-Rekordliste, aber die Verbindung von Chilli und schmerzhafter (aber nicht tödlicher) Kriegseinsätze war eine, in Anbetracht der Kulturgeschichte des Chilli, sehr interessante.

Geht man zurück zu den Ursprungsorten des Chilli, so findet man die Beziehung auch schon dort:

Smoke of burning peppers used as punishment for childrenUnfolgsame Demonstranten? Fast so schlimm wie unfolgsame Kinder. Was tut man mit solchen Kindern? In der aztekischen Oberschicht jedenfalls wurden sie bestraft, indem sie über den Rauch – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – brennender Chillis gehalten wurden!

Militärische Verwendungsinteressen sind auch keine neue Sache: So kennt man Berichte, wonach ein aztekischer Tribut-Eintreiber dereinst einmal gar erstickt wurde, indem man ihn in einen Raum sperrte, in den man dann den Rauch brennender Chillis einleitete. (Ob es des Chillipfeffers dabei wirklich bedurfte, sei einmal dahingestellt.) Auch die Verwendung von Chillirauch als präkolumbisches “Tränengas”, mit dessen Hilfe man Befestigungen zum Aufgeben zwingen konnte, sind bekannt – und wie mir zu Ohren gekommen ist, wurde diese Methode noch zu Zeiten Pancho Villas angewandt.

Es sind anscheinend nicht einmal nur Menschen, die man mit dem Chilli treffen kann.

Von manchen indigenen Gruppen in Mexiko heisst es, sie würden getrocknetes Chilli an der Türschwelle ausstreuen, um böse Geister abzuhalten… und selbst in Indien gelten Chillis und Limetten als wirkungsvolle Talismane, während man in Südostasien wieder auf Chillirauch treffen kann: gemeinsam mit Salz verbrannt, soll das Chilli nämlich negative Einflüsse vertreiben!

Soll wohl aber kein Kommentar bezüglich den Occupy-Demonstranten sein…

2 thoughts on “Ethnobotanische Notizen zu Lt. Pike, Pfefferspray und Chillischmerz”

  1. Sascha says:

    Der Pfefferspray Cop hat es doch nur gut gemeint. Er hat gelesen das Pfefferspray gegen Schnupfen wirkt: http://www.pfefferspray-versand.de/news/allgemein/pfefferspray-hilft-gegen-heuschnupfen-173.html : Ich denke bei der kalten Jahrezeit, wollte er einfach mal präventiv vorgehen. :)

  2. Susanne says:

    @Sascha: Das wurde zwischenzeitlich als Hoax entlarvt, würde ich dir nich empfehlen. Kleiner Tipp für alle, die wie ich schonmal was abbekommen haben: http://www.pfefferspray.info/erste-hilfe

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