Museums-Sorten und der Vorteil der Superhots

Traditionelle Sorten, diese alten Sorten, um die sich so manche Geschichte rankt und die mit einigem „die schmecken noch so wie früher“ einhergehen, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Das ist schön, aber doch scheinen sie zugleich, auch wenn sie am Lebensmittelmarkt insgesamt immer noch eine sehr kleine Rolle spielen, schon wieder Missverständnissen zum Opfer zu fallen.

Der Trend zu traditionellen Sorten nämlich vermischt sich wunderbar mit der Suche nach dem Alten, Traditionellen und Authentischen.

Zhang Mama's Küche
Nicht zu vergessen dem Exotischen…

Dabei erfüllen alte Sorten den nostalgischen Wunsch nach alten Dingen, ähnlich wie moderne Sorten für die industrielle Landwirtschaft die Bedürfnisse des (Super)Markts erfüllen.

Beiden aber fehlt es oft gleichermassen an der Sorge um die Sortenentwicklung in deren Anpassung an verschiedenste Orte.

Moderne Sorten dürfen oft gar nicht weiter von einem Bauern verändert werden und sind für nichts anderes gedacht, als dafür, von den jeweiligen Saatgutproduzenten für bestimmte Zwecke weiter entwickelt zu werden. Hoher Ertrag, gute Eignung für die Versorgungsketten per Supermarkt, schönes Aussehen, Spritzmittelresistenz – diese Ziele sind nicht unbekannt.

Alte Sorten sind oft mehr auf den Geschmack und die gute Nutzbarkeit für bestimmte Verwendungen bedacht (gewesen). Tomaten für Salate oder Saucen, Kartoffeln für Püree oder Puffer oder zum Braten…

Sie waren aber auch angepasst an, und sie wurden in ihrem Anbau weiter passend für, bestimmte Orte.

Brennende Sache

Die superscharfen Chillis sind hier ein interessanter Fall.

Überwiegend werden Superhots von kleinen Züchtern entwickelt. Individuelle Chilli-Anbauer mit Begeisterung für die Vielfalt und die Schärfe probieren, was sich aus der Kreuzung verschiedener Typen nicht so alles ergeben könnte – und manchmal stossen sie so auf einen neuen Weltrekord.

Ich finde dieses Rennen nach dem „Weltrekord-schärfsten“ Chilli immer noch einen Teil der Kryptobotanik des Chilli, nicht so sehr des Sinns seiner Nutzung. Aber zumindest entwickeln diese Leute diese Chillis weiter, bauen sie an und lassen sie sich an neue Nutzungen und neue Orte anpassen.

Das ist meiner Meinung nach der etwas in Vergessenheit geratene Sinn der „alten“ Sorten:

Es gibt (bzw. gab) diese nicht nur darum in so grosser Vielfalt, weil Leute es so wollten oder Sorten mit verschiedenen Eigenschaften für verschiedene Verwendungen haben wollten.

Die Vielfalt war auch ein Resultat dessen, wie diese Sorten angebaut, vermehrt – und damit verändert – wurden, über weite Gebiete und in einem dementsprechend weiten Rahmen an Bedingungen.

Sie wurden als Landsorten angebaut, in sehr unterschiedlichem Land. In verschiedenen Regionen, verschiedenen Bedingungen, über Klimazonen hinweg.

Bahn-Böschungs-Chilli in Hunan
In Hunan (Südchina) selbst an der Böschung an der Bahn…

Selbst so eine ohnehin weithin „passende“ Pflanze wie das Chilli – man gebe ihm einfach nur eine Wachstumsperiode, die lang und warm genug ist, und es wird wachsen können – wurde so verändert, dass sie in verschiedene Klimate und Böden und zu verschiedenen kulturell-kulinarischen Vorlieben passt.

Schon einmal bemerkt, wie viele alte Sorten gleich in ihrem Namen etwas über ihren Ursprungsort sagen? Das ist der Grund dafür.

Alt, aber nicht museal

Das ist auch der Grund, warum alte Sorten nicht einfach wie Schaustücke in der Glasvitrine bewahrt werden dürfen.

Solche Museumsexemplare sind tot.

Selbst der Vergleich mit einem Zoo oder der Arche hinkt.

Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Erhaltung gefährdeter Tierarten und jener von gefährdeten Zuchtsorten (und, tatsächlich, Nutztier-Rassen).

Während ein Zoo aber sein bestes geben muss, um die Tierarten möglichst „natürlich“ zu erhalten und nicht dahin zu bringen, zunehmend an ein Zooleben angepasst zu sein (und im wesentlichen domestiziert zu werden) sind traditionelle Sorten ohnehin ein Resultat von Selektion durch den Menschen.

Sie sind traditionelle Sorten gerade weil sie schon lange nicht einfach nur angebaut, sondern von bestimmten Personen für bestimmte Eigenschaften und Nutzungen angebaut wurden – und um an bestimmte Orte angepasst zu werden.

Tatsächlich ist es so, dass eine traditionelle Sorte oder Landsorte z.B. von Chilli sich, solange sie aus Samen weiter gezogen wird, mit ihrem jeweiligen Anbauer und den Bedingungen an dessen Anbauort stetig weiter entwickeln wird.

Eine Zukunft voller Landsorten

Wir sollten – und wir müssen wohl – für die Zukunft noch viel mehr Augenmerk auf diese Ansätze legen.

Natürlich, hat man etwa Samen für eine nicht-scharfe Sorte Chilli und möchte diese als nicht-scharf erhalten, dann darf diese Sorte sich nicht mit anderen vermischen.

Will man aber auch in Zukunft neue Landsorten und zukünftige traditionelle Sorten haben, so werden mehr Menschen wieder mehr Sorten entwickeln müssen, hin zu der Vielfalt und der Anpassung an jeweilige lokale Bedingungen, die die Welt in der und für die Zukunft, in Anbetracht von Klimawandel und ähnlichen Herausforderungen, dringend brauchen wird.

Wer weiss, was damit noch alles Schöne entstehen wird.

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