Die Master Cleanse versus Tibet um 1800

Die Master Cleanse versus Tibet um 1800

In meinem Schreiben und Forschen über das Chilli in China bin ich immer noch fasziniert von dessen Auftauchen im Himalaya – und in „Volks“medizin, alt und neu.

Cleanse
Cleanse. Foto von Barry Silver, Flickr.

In den USA nach 2000 spielt scharfes Chilli eine Rolle in einem Gesundheitsrezept, das angeblich den Körper entgiften und zu besserer Gesundheit beitragen könne.
In dieser „Master Cleanse“ findet sich Cayenne neben Zitronensaft und Ahornsirup.

tsi-tra-ka
Tsi-tra-ka, d.h. Chilli, im Medizin-Thangka „Der Blaue Beryll“

In Tibet um 1800 (im Medizin-Thangka „Der Blaue Beryll“) fand sich Chilli in einem Rezept, um Krankheiten des Phlegma zu lindern und die Lebensspanne zu verlängern.
Man sollte Chilli mit Honig und Butter einnehmen.

Interessant ist, dass beide Rezepte, auf nicht unähnliche Art, eine Quelle von Zucker mit Chilli kombinieren. Das eine aber macht in seinem Gesundheitskontext einigen Sinn, das andere nur im Rahmen von etwas verqueren Gesundheits- und Diätpsychologien.

Die „Master Cleanse“ als eine Variante des Saftfastens macht wenig ernährungsbezogenen oder physiologischen Sinn.
Klar, wenn man zuckriges Wasser mit Zitrone und Cayenne trinkt, dann wird man irgendeinen Effekt spüren. Noch besser wäre das dann aber wohl mit einem superscharfen Chilli für den absoluten Kick…

Auf das Thema möchte ich gar nicht weiter eingehen; ich bin schliesslich Ökologe und Kulturanthropologe und kein Arzt. (Es gibt eine Vielzahl vertrauenswürdiger Quellen mit Berichten über die fehlerhafte Logik hinter „Entschlackung“ per Ernährung, gegen Diätkulte, etc….)

Mein akademischer Hintergrund bringt mich allerdings schon dazu, mich für den biologischen und kulturellen Hintergrund zu interessieren – und eine Geschichte des Glaubens an „Schlacken“ die im „Hochofen“ der Verdauung anfallen und durch „entschlackende“ Programme entfernt werden müssen, um zu „entgiften“, die wartet nur darauf, geschrieben zu werden (wenn sie das nicht schon wurde).

Geht es um das Gehirn, dann sind wir wenigstens zu Computer-Metaphern weitergezogen; beim anderen Teil des Körpers aber stecken wir offenbar immer noch in industriellen Metaphern fest.

Die Popularität solcher Praktiken scheint noch dazu abhängig zu sein von der Popularität ihrer Befürworter.
Wenn Hollywood- oder sonstige Superstars sie machen, dann müssen sie wohl gut sein… und vielleicht hat die steigende Beliebtheit von scharfen Saucen ja auch ihren Teil beigetragen.

Wie dem auch sei, einigen psychologisch-kulturellen Hintergrund zu dem Thema gibt es auf jeden Fall – und sehr viel weniger medizinischen (oder auch nur ernährungsbezogenen) Sinn.

Was ist mit dem „Rezept“ aus dem Himalaya? Warum soll das Sinn machen?

Nun, eine Ernährung, die nur in einer Art Getreide oder insbesondere in Reis reich ist (wie eventuell in Tibet), kann leicht mit einem Mangel an Vitamin A und eventuell C einhergehen, welche(s) das Chilli in grosser Menge enthält. Das alleine kann helfen.

Dazu kommt dann noch der Zucker im Honig, der wohl ein seltenes Vergnügen gewesen sein wird. Die Energie daraus war sicher auch hilfreich. Butter, wie man sie auch im tibetischen Buttertee findet, liefert dann auch noch zusätzliche Energie, diesmal aus Fett.

Die Kombination aus Honig und Chilli kann auch antimikrobielle Effekte beigesteuert haben, die ihres zu der aufbauenden/heilenden Wirkung beitragen. Gerade im Kontext einer Behandlung von „Phlegma“, also wahrscheinlich solcher Dinge wie kratzender Hals und Schleim in der Lunge sowie einem eher lethargischen Gefühl passen sowohl antimikrobielle Wirkungen, zuckrig-fettige Energie, als auch der „Kick“ vom Chilli sehr gut zusammen.

Psychologie spielte sicherlich auch hier eine Rolle, aber zumindest lassen sich auch mögliche medizinisch-ernährungsbezogene Eigenschaften der vorgeschlagenen Behandlung finden, nicht nur ein fürchterlicher Geschmack und der Glaube, dass von Stars empfohlene ‚Rezepte‘ wohl gut sein müssen.



Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: