Sei ein Mann! – Chilli und Testosteron

Sei ein Mann! – Chilli und Testosteron

Die Nähe scharfen Essens zum Machismo ist wohlbekannt.

The Flash - Naga Jolokia
Manchmal versucht man (Mann) auch, mit Chilli-Verspeis-Fertigkeiten die Ernsthaftigkeit seines Interesses (an einer Frau) zu beweisen.
Jedenfalls versuchte Barry Allen, The Flash, das gerade.
(Screenshot aus der TV-Serie, © The CW)

Man kennt die Szene:
Ein neues Restaurant eröffnet und ‚verspricht‘ ein unessbar scharfes Gericht; ein chillibegeisterter Freund hat sich eine neue scharfe Sauce mit Warnlabel zugelegt, und ‚wahre Männer‘ müssen sich der Herausforderung sogleich stellen.

Immerhin, in den meisten sozialen Situationen trommeln wir nicht mehr auf der Brust oder schlagen mit Ästen um uns wie so manche unserer äffischen Verwandtschaft, aber in so mancher Zurschaustellung von Aggressivität und Männlichkeit machen wir doch noch mit.

Zumindest Männer. Manchmal mit Chilli.

Die Wissenschaft hat das natürlich auch bemerkt. Wie Wissenschafter das ja wohl tun würden, so fragten sie sich, was wohl so für hormonelle Beziehungen mit dem Ess(verhalt)en bestehen.

Beziehungen, die scheint es auch wirklich zu geben. Wie schon der Titel eines der interessantesten kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel zu dem Thema bemerkt, lässt sich durch Testosteron das Labor-Essverhalten bezüglich würzigen Essens voraussagen (cf. „Some like it hot: Testosterone predicts laboratory eating behavior of spicy food.„)

Die Männer in der Studie, welche einen höheren Testosteronpegel hatten, nahmen auch mehr scharfe Sauce zu dem Testessen, das ihnen gegeben wurde. (Wobei es sich dabei um Kartoffelpürree handelte und man sich fragen muss, ob ein solches „Babyessen“ nicht auch einen Effekt hatte.)

Für Forscher ist die ständige Frage in Bezug auf das Chilli ja nach wie vor, warum bloss Menschen eine Zutat konsumieren sollten, die eine schmerzerregende Wirkung hat. Soziales Lernen spielt sicherlich eine Rolle (wenn jeder im Umfeld Chilli ist, dann wird man es vermutlich auch essen), aber ebenso haben persönliche Vorlieben und individuelle Unterschiede in der Physiologie, die die Empfindlichkeit gegen Capsaicin und damit womöglich die Vorlieben bestimmen, ebenfalls einen Einfluss.

Das interessante an der Studie hier war aber eben der Blick nicht nur auf das typisch männliche (aggressivere, mehr Risiken eingehende) Verhalten, sondern auch auf das Hormon, das dahinter steckt bzw. stecken soll – und das Hormon, das Alexis Madrigal in Fusion als die (Männer-)Droge der Zukunft bezeichnet.

Testosteron ist nicht einfach irgendeine (Party-/Spass-)Droge. ‚T‘  ist die Substanz, die bisher am nähesten an einer echten Anti-Aging-Medizin steht. Sie lässt sich billig in grossen Mengen herstellen und ihre Risiken scheinen für die meisten Menschen unschwer zu managen. Nutzer berichten über mehr Energie, mehr Muskelmasse, verringertes Körperfett, mehr Lust und generell grösseres Wohlbefinden. [Meine Übersetzung, leicht gekürzt]

Geht man von den Resultaten dieser Chilli-Studie aus, dann müsste man vielleicht noch nicht einmal Testosteron nehmen. Es würde vielleicht genügen, mehr Chilli zu sich zu nehmen!

Es ist allerdings noch nicht klar, ob die Lust am Chilli vom höheren Testosteronspiegel herrührt oder ob der Konsum von Chilli zu mehr Testosteronproduktion verhilft (oder eventuell eine wechselseitige Beeinflussung besteht).

Ich jedenfalls werde lieber mehr Chilli zu mir nehmen, als mir Testosteron zu verabreichen, ob es nun natürlich ist oder nicht – zumal ein zu hoher Testosteronspiegel auch wieder negative Folgen nach sich ziehen kann. (Und die Behandlung mit Testosteron kostet auf jeden Fall um ein vielfaches mehr als jede Chillisucht.)
Noch dazu kann auch meine geliebte Frau am Chilli teilhaben… Wobei, vielleicht liegt es ja dann wirklich an der Lust am Chilli, dass die Frauen aus Hunan so feurige Gemüter haben?

Fragen über Fragen. Und weitere Gründe, würzig-scharfes Essen zu geniessen!

Some like it hot: Testosterone predicts laboratory eating behavior of spicy food
Laurent Bègue, Véronique Bricout, Jordane Boudesseul, Rébecca Shankland, Aaron A. Duke
Physiology & Behavior 139 (2015) 375–377
http://dx.doi.org/10.1016/j.physbeh.2014.11.061



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