Chilli Missverständnis 6: Chilli macht süchtig

Es klingt einfach zu gut, als dass sich die diversen Autoren diese Aussage sparen (oder sie uns ersparen) könnten: Chilli macht süchtig.

Und man sieht doch auch, dass jemand, der einmal auf den Geschmack gekommen ist, nicht mehr auf das Chilli verzichten will. Eher gewöhnt er (oder auch sie) sich immer mehr an die Schärfe und konsumiert immer mehr Chilli.

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No Drugs. Photo by Creativity103 on Flickr (CC-BY)

Klar also, dass man die Lust am Chilli als Sucht beschreibt, richtig?

Falsch.

Nicht nur, dass es ein Problem bagatellisiert (echte Süchte, d.h. Substanzabhängigkeiten). Man lese nur einmal (hier von der Webseite der Caritas):

„Sucht ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten. Der Betroffene hat keine Selbstkontrolle mehr. Er steht unter dem Zwang, mit Hilfe von bestimmten Substanzen (z.B. Alkohol) oder bestimmten Verhaltensweisen (z.B. Glücksspielen), belastende Gefühle zu vermeiden.“

Es missversteht auch die tatsächliche Nutzung des Chilli.

In Europa und den USA, unter ‚Westlern‘ die erst später in ihrem Leben zum für sie exotischen Chilli kommen und dieses zu schätzen lernen, da ist tatsächlich ein allmählicher Anstieg der Schärfetoleranz und eine gehörige Lust am immer schärferen zu sehen.

Ständig neue Rekorde im Capsaicingehalt neuer Sorten werden von Züchtern gefunden (und eventuell erfunden); ständig neue Weltrekord-Chillis werden mit offenen Armen angenommen. So scheint es jedenfalls.

Es ist aber weniger eine Eigenschaft des Chilli als vielmehr eine Eigenart der Extrem-Marketing-geprägten neuen westlichen Kundschaft, dass stets neue Extreme gesucht werden – wenn es nicht überhaupt mehr ein von Marketing und Medienaufmerksamkeit getragenes angebliches Phänomen ist.

Wer nichts vom Chilli weiss, der verlässt sich halt auf irgendeinen gut klingenden Wert – und was würde besser klingen als „Schärfe: 10 – neuer Weltrekordhalter“? Was erhält mehr Aufmerksamkeit auf Blogs und in Youtube-Videos als ein idiotisches „Das war so scharf, ich wäre fast gestorben?!?!“? *

Dieser Machismo und dieses Marketing – und damit einhergehend, diese angebliche süchtigmachende Wirkung des Chilli, wegen der stets höhere Schärfe gesucht wird – ist den traditionellen „Chilli-Küchen“ dieser Welt ziemlich fremd.

Natürlich spielt man mit Schärfe und Schärfetoleranz, aber jede/r gewöhnt sich an die jeweils üblichen und ihm/ihr selbst genehmen Schärfen. Es wird nicht ständig nach höherer Schärfe gestrebt, sondern nach dem richtigen Verhältnis von Aromen und Schärfen für das jeweilige Gericht (und die jeweiligen Esser desselben).

Oft genug ist das eine eher mittelmässige Schärfe, weil auf diesem Niveau alle mitessen können – und darum geht es ja schliesslich, wenn man etwas kocht: es soll von der ganzen Familie (oder wer auch immer es sonst essen wird) gegessen werden. Und es soll richtig schmecken, gut – nicht immer schärfer.

Und die so viel beschworene Gewöhnung an die (immer höhere) Schärfe? Jeder hat eine gewisse Schwelle, ab der es unangenehm wird, und die Gewöhnung in traditionell scharf essenden Regionen erfolgt nicht mit grosser Verwunderung und reger Diskussion, sondern einfach als Teil des Erwachsenwerdens.

Höchste Zeit, dass auch wir einmal erwachsen werden.

Her also mit dem Chilli – aber dem passenden.

 

* Die passende Aktion dazu:

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