Trend und Tragödie des Chilli

Schon vor einiger Zeit überholten scharfe Salsas den Verkauf von Ketchup in den USA, auch wenn das zumindest genau so viel mit dem Wandel in der Bevölkerungsstruktur hin zu Hispanics und Menschen asiatischer Herkunft zu tun hat wie mit einem Wandel in den Geschmacksvorlieben allgemein. Selbst in Europa aber ist das Chilli ein gewaltiger Trend geworden.

Für das Interesse war das natürlich gut, und selbst so manche traditionellen Sorten und Produkte haben damit endlich wieder einen Anschub bekommen, den sie gut gebrauchen konnten. Endlich sieht es nicht mehr nur so aus, als sei das Chilli über Europa von Amerika in die Welt und zu seinem Einfluss auf lokale Küchen von Afrika bis in den Fernen Osten gelangt, sondern eben auch in lokalen Küchen in Europa heimisch geworden. Und nicht den schlechtesten derselben, auch wenn der Trend in der feinen Küche und der historisch-kulinarische Trend sich von diesem rustikalen Gewürz entfernt hatte.

'Red Chili' ChipsgeschmackNein, mittlerweile haben etwa Pimentón de la Vera und Piment D’Espelette sogar ihren Status mit geschützter Ursprungsbezeichnung. Selbst eine Milka Schokolade mit Chilli gab es schon einmal, manche Chilli (und nicht nur Paprika) kann man selbst im normalsten Supermarkt finden, genauso wie diverse Chillisaucen. Vom Chilligeschmack unter Chips ganz zu schweigen…

Ein wirklicher Grund zu feiern ist das aber nicht. Die Art, wie Chilli scheinbar überall ist und immer gleich genutzt wird, einfach um einen Kick zu geben und ein wenig Exotizismus und/oder „gutartigen Masochismus“ in ansonsten langweilige Leben zu bringen ist auf einer Stufe mit Alkoholkonsum, um der Langweile entgegen zu wirken – aber wenn es um Alkohol geht, dann weiss zumindest jeder, dass es nicht einfach Alkohol gibt, sondern härteren oder milderen Stoff mit unterschiedlichen Charakteristika und unterschiedlicher Nutzung.

Chilli, das ist einfach nur Chilli.

Nicht nur das. Es ist so ein Teil einer bestimmten Spasskultur geworden, es ist als gäbe es – um beim Beispiel Alkohol zu bleiben – nur das Komasaufen mit Alkopops, nicht auch die feine Küche die verschiedene Weine unterschiedlicher Herkünfte und Jahrgänge mit verschiedenen Gerichten kombiniert, nicht das Kochen mit verschiedenen Arten Wein, noch die Kennerschaft die die diversen Arten von Whiskey unterscheidet…

Klar, das ist wieder einmal mein typisches Klagelied, und ich gebe kein sonderlich attraktives Klageweib ab. Sicher, wir sollten uns nicht immer um jede einzelne Zutat scheren müssen wenn wir nur schnell etwas zu essen suchen. Aber darum geht es auch nicht. Wir profitieren dennoch, und wir machen es sogar leichter zu entscheiden, was wir essen sollten und wie wir besser essen könnten, wenn wir dem allen öfter mal etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Dann ist es keine Entscheidung zwischen mit Chilli oder ohne Chilli, sondern die Erfahrung und Expertise, welche paar Sorten/Formen von Chilli gut zu welchen Gerichten passen – und zu unseren jeweils eigenen Geschmäckern.

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